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gungssicherheit des Raums gefährdet, prallte an mir ab. Die Arsenaus-

fällanlage übernahm nach langem Hin und Her der Staat und betreibt

sie bis heute. Für die zu schließenden Krankenhäuser in Aindling und

Mering fanden wir sinnvolle Nachfolgeeinrichtungen mit einem Alten-

wohnheim und einem Ärztezentrum. Der Weg dorthin war steinig.

Trotz aller Widerstände wurde ich bei der zweiten Wahl zum Landrat

bei insgesamt fünf Bewerbern im ersten Wahlgang wiedergewählt, ob-

wohl mich sehr viele in der Stichwahl sahen. Der Altbayer erkennt Auf-

richtigkeit an, er verabscheut das „Nach-dem-Mund-Reden“.

Sieht man die harten politischen Auseinandersetzungen, die

persönlichen Angriffe auch gegen die Familie und engere Verwandt-

schaft, im Licht des Erreichten, so führte das Erlebte zu einer noch

tieferen Verbindung zum Landkreis, zu einem guten Heimatgefühl. Es

gab ehrliche Empörung, ja Zorn, noch einmal mit einer Deponie über-

zogen zu werden, es war die Sorge um die Heimat und die Nachwelt,

die viele antrieb. Es war auch meine Sorge. Dafür habe ich auch viel

Verständnis. Einen Grund, nachtragend zu sein, gibt es nicht.

Vor allem deshalb nicht: Am Ende meiner Amtszeit hatte sich das

Negativbild vom „Mülllandkreis“ zum Positivbild des „Wittelsbacher

Landes“ gewandelt. Zusammen mit den Bürgermeistern des Land-

kreises nutzten wir nach der Wiedervereinigung die Fördermittel der

EU (Vb-Leader Plus) für ländliche Regionen und fanden in der Besin-

nung auf unsere Wurzeln den Qualitätsbegriff für unsere Landschaft

und unsere Produkte. Das war nur möglich mit Pionieren wie den

Wirten mit den bald begehrten Spezialitätenwochen, den Direkt-

vermarktern mit ihren Hofläden. Mit viel Tag- und Nachtarbeit, viel

Einfallsreichtum und Auftritten auf Messen beschritten wir einen

neuen Weg, abgesegnet vom Haus Wittelsbach. Eine Erfolgsgeschich-

te, die heute nicht mehr wegzudenken ist, anfangs belächelt, von Tei-

len der Lokalpresse sogar niedergeschrieben.

Das Sisi-Schloss in Unterwittelsbach, von der Stadt Aichach in enger

Abstimmung zwischen Bürgermeister und Landrat erworben, und der

Bauernmarkt in Dasing, vom dortigen Bürgermeister und vom Landrat

durchgesetzt, sind heute Anziehungspunkte weit über die Landkreis-

grenzen hinaus. Dabei sei auch der Regio Augsburg Tourismus mit ih-

rem rührigen Direktor an der Spitze gedankt – auch die Mitgliedschaft

in dieser Organisation war im Kreistag nicht unumstritten.

Hätte es noch eines Beweises der Liebenswürdigkeit unseres Land-

kreises bedurft, der Fall des Eisernen Vorhangs und seine Folgen lie-

fern sie: Wir verbanden uns nach der Wiedervereinigung mit dem

sächsischen Landkreis Riesa. Mein dortiger Landratskollege stellte

nach einigen Besuchen bei uns beeindruckt fest: Euer enges Vereins-

leben, eure noch weitgehend intakte Landschaft – es wird bei uns Ge-

nerationen dauern, bis wir Ähnliches erreichen, ein Eindruck, den auch

seine Referenten bei den Besuchen hatten. Auch zu den Ungarn in

Balatonföldvár am Plattensee nahmen wir Kontakt auf. Ihre innige

Verehrung von König Stephan I. dem Heiligen und seiner Gemahlin

Prinzessin Gisela von Bayern hatten sie während der Kommunistenzeit

mit dem „Tag des neuen Brotes“ getarnt, den sie jährlich am 19. August,

dem Namenstag von Stephan, begehen. Heute ist dies Feiertag und

das erste Brot der neuen Ernte, geschmückt mit einem Band in den

ungarischen Nationalfarben, wird gefeiert, viele tragen ihre Trachten.

Als sie uns besuchten, nannten sie unseren Landkreis den „Inbegriff

von Bayern“, der Heimat „ihrer“ Prinzessin Gisela. Gibt es schönere

Komplimente?

ALTLANDRAT DR. THEODOR KÖRNER